"Leben in ständiger Gefahr"

Giacomina Castagnetti

Giacomina Castagnetti vor dem Denkmal für die Frauen in der Resistenza in Castelnovo Monti.

Die Relieftafeln stellen die verschiedenen Tätigkeitsfelder
der Frauen im Widerstand dar.




Giacomma Castagnetti: Ich komme aus einer antifaschistischen Familie. Schon als kleines Mädchen haben mir meine Brüder erzählt, dass die Schriften und Reden des Duce nicht wahr sind, dass sie keineswegs Ausdruck und Zeichen von Demokratie seien. 1935 habe ich erstmals vom Krieg gehört. Italien war in Äthiopien eingefallen. Das Losungswort hieß, wir hätten zu wenig Platz und müßten unsere Landesgrenzen erweitern. 1940 brach dann der Zweite Weltkrieg aus. Damals bin ich, 15 Jahre alt, der kommunistischen Partei beigetreten. Vielleicht wusste ich noch nicht genau, was das wirklich bedeutete, aber es war für mich wichtig, etwas gegen diejenigen zu tun, die Krieg führten, und dafür standen die Kommunisten.

Mit der Resistenza wurden die so genannten Frauenbefreiungsgruppen gegründet, denen ich beitrat. Natürlich war unser erstes Ziel, gegen den Krieg zu kämpfen, aber selbst in der Zeit, in der wir illegal leben mussten, trafen wir uns und diskutierten über das Frauenwahlrecht und andere Rechte für Frauen. Wir haben mitten auf dem Land Zusammenkünfte abgehalten, unter einem Baum, um nicht die Familie und den Hof, bei denen wir uns trafen, in Gefahr zu bringen.
Viele Frauen organisierten sich aus den unterschiedlichsten Gründen in diesen Gruppen, die meisten aber haben nicht aus politischer Überzeugung heraus Widerstand geleistet, sondern weil sie schlichtweg Frieden wollten.
Die Arbeit bestand darin, in die Familien zu gehen, um für die Partisanen zu sammeln oder andere Familien in den Kampf mit einzubeziehen. Wir sprachen mit Familien, ob sie Partisanen beherbergen würden, und um sie für den Widerstand zu gewinnen. Das war natürlich nicht ungefährlich. Wir wussten ja nicht immer, mit wem es diese Leute hielten, wie sie politisch eingestellt waren. Aber der Widerstand hätte sich nicht vergrößert, wenn wir uns nur in unserem Kreis von AntifaschistInnen aus den 40er Jahren verschanzt hätten.

Wir übermittelten Nachrichten und transportierten Waffen. So trugen wir in unserem Einkaufskorb beispielsweise obenauf die Kartoffeln und versteckt darunter die Flugblätter. Um Informationen weiterzugeben, war das Fahrrad das schnellste Mittel. Wir mussten oftmals flüchten oder uns verstecken. Heute kauft man einfach eine Zeitung am Kiosk, aber damals bedeutete, eine Zeitung gegen den Krieg in der Tasche zu haben, sich in Lebensgefahr zu befinden. Wir waren mit Sicherheit etwas unbedacht, die Gefahren waren uns nicht so bewusst. Könnt ihr euch vorstellen, dass ich von meinem 10. bis zum 20. Lebensjahr immer nur vom Krieg gehört habe? Hier wurden Mechanismen ausgelöst, die uns zum Handeln bewegten, die heute, im Nachhinein sehr schwer zu erklären sind.

Bei Kriegsende war uns bewusst, dass wir einen erheblichen Beitrag zur Befreiung des Landes geleistet hatten. Es war klar für uns, dass wir jetzt auch mehr Rechte und Freiheiten erhalten wollten, und dass dies auch unser gutes Recht war. Es hätte nach dem Geschehenen einfach nicht mehr anders sein können. Der Faschismus hatte die Frauen, die bisher immer im
Haushalt oder auf dem Hof gearbeitet hatten, in den Fabriken gebraucht, weil die Männer an der Front waren. Wir waren daher keine voneinander isolierten Frauen mehr, nicht mehr jede für sich hinter ihrem Herd, abgeschieden von anderen
Frauen. Wir waren Frauen geworden, die in der Gesellschaft präsent waren.
Trotzdem mussten wir nach dem Krieg tausend Widerstände brechen. Denn natürlich gab es Rückwärtsgewandte. Man hat so manche Partisanin misstrauisch beäugt. Aber letztendlich mussten die Männer verstehen und einsehen, dass die Arbeit der Frauen wichtig war, denn wenn es z.B. die Stafetten nicht gegeben hätte, wären die Partisanengruppen völlig isoliert voneinander gewesen. Dadurch hat sich auch die Rolle der Frauen verändert. Auch Männer, die ihre Frauen lieber zwei Schritte hinter sich gesehen hätten, mussten einsehen, dass auch die Frau einen Wert besaß und als Mensch genauso von Bedeutung und ihre Arbeit wichtig war.

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