siehe auch

La Resistenza -
Widerstand in Italien

Die Resistenza:
Befreiungskampf, Bürgerkrieg, Klassenkampf

Resistenza - eine vielschichtige Widerstandsbewegung

Aktionsgruppen in den Städten

Anarchistischer Widerstand in Carrara

Deutsche Deserteure

 

Friedensdemonstration in Mailand 1943

Friedensdemonstration am 25. Juli 1943 in Mailand

 

Auf dem Weg in die Berge

Partisanengruppe auf dem Weg in die Berge

Achtung Bandengefahr

Deutsche Warnung vor Widerstandsaktivitäten

Befreiungskampf – Bürgerkrieg – Klassenkampf

Der antifaschistische Widerstand in Italien 1943 – 45

"Am Abend des 8. September schien alles vorbei zu sein. Alle Glocken Cumianas läuteten und alle fingen an zu tanzen." So erinnert sich Ernesto Ferrero aus dem kleinen Ort südlich von Turin, damals 19 Jahre alt, an den 8. September 1943, als der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten bekannt gegeben wurde. Der Krieg schien damit für die Menschen in Italien zu Ende zu sein.

Doch der 8. September wird heute auch als der Tag begangen, an dem der Widerstand - La Resistenza - gegen die deutsche Besatzung Italiens begann. Nur wenige Minuten nach der Waffenstillstandserklärung wurde der Befehl zum Einmarsch deutscher Truppen gemäß des seit Monaten ausgearbeiteten Plans "Achse" erteilt und das Land des ehemaligen Verbündeten besetzt. Aus dem Achsenpartner der Achse Berlin-Rom waren die "Badoglio-Verräter" geworden.

Der besetzte Verbündete

Der ehemalige Generalstabschef Pietro Badoglio, seit der Absetzung Benito Mussolinis am 25. Juli 1943 Regierungschef, hatte sofort bei Regierungsantritt geheime Verhandlungen mit den Alliierten über einen separaten Waffenstillstand aufgenommen. Dem Bündnispartner gegenüber betonte er, der Krieg an der Seite Deutschlands werde auch nach dem Machtwechsel weiter gehen. Doch diese Doppelstrategie ging nicht auf. Unter dem Vorwand kriegsbedingter Notwendigkeiten verlegte Deutschland ab 25. Juli verstärkt Truppen über den Brenner – unter Protest der ItalienerInnen.
Die "Achse Berlin-Rom", von Mussolini 1936 als Begriff für die enge Verbindung beider Länder eingeführt, war gebrochen. Offiziell erklärte Italien am 13. Oktober als "Regno del Sud" Deutschland den Krieg.
28 Monate vorher, am 10. Juni 1940, war Italien an der Seite Deutschlands in den 2. Weltkrieg eingetreten. Italienische Kriegsziele beinhalteten u. a. die "Ketten des Mittelmeeres zu sprengen". Ein Volk sei nur frei, wenn es Zugang zu den Weltmeeren habe, hatte Mussolini unter dem Jubel der Bevölkerung in seiner Kriegsrede erklärt.
Doch der Krieg nahm für Italien an allen Fronten einen schlechten Verlauf. Nur die Unterstützung Deutschlands verhinderte z. B. ein Debakel für die italienische Armee in Griechenland. Die Niederlage in der Sowjetunion sowie Nahrungsmittelknappheit und die Bombardierung italienischer Städte führten zu Missstimmung in der Bevölkerung gegen Mussolini und den faschistischen Parteiapparat.
In den Städten Norditaliens kam es im März 1943 zu Streikaktionen, den ersten Massenprotesten in über 20 Jahren faschistischer Herrschaft.
Im Januar 1943 beschlossen die Amerikaner und Briten in Süditalien eine zweite Front in Europa zu eröffnen. Sie landeten am 10. Juli auf Sizilien. Damit bekamen die Stimmen unter den faschistischen Politikern, unter den Militärs sowie in Finanz- und Industriekreisen Aufwind, die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten – in Opposition zu Mussolini – für unausweichlich erachteten. Der Faschistische Großrat beschloss am 24. Juli 1943 eine Neuverteilung der Macht zu Gunsten der Krone, darunter die Rückgabe des militärischen Oberbefehls an den König. Einen Tag später, am 25. Juli 1943, ließ dieser den Duce verhaften.
Die Menschen auf der Straße feierten diesen Coup und verknüpften damit die Hoffnung, dass der Krieg nun beendet sei. Doch wurde diese Erwartung rasch zerstört. "Während für die Machtsicherungsoperation der herrschenden Eliten auch ein gemäßigter Faschismus (...) akzeptabel gewesen wäre, so führte der vom König und militärischer Führung (...) inszenierte Staatsstreich (...) zum Zusammenbruch des Faschismus, um für kurze Zeit einer autoritären Militärdiktatur Platz zu machen."1 Der ehemalige Generalstabschef Badoglio täuschte im Rahmen seiner Doppelstrategie den Deutschen vor, der Krieg an ihrer Seite gehe weiter. Der italienischen Öffentlichkeit sollte hingegen der Wille zur Zerschlagung des faschistischen Apparates demonstriert werden, ohne der antifaschistischen Opposition Handlungsmöglichkeiten zu geben. Ziel war es, die wichtigsten faschistischen Strukturen zum eigenen Nutzen zu erhalten. Ohne großen Widerstand wurden die faschistische Partei PNF sowie das faschistische politische Gericht aufgelöst – beides Institutionen, die man nach dem 8. September unter der Regierung Mussolinis wieder finden sollte. Als weitere Maßnahme in diesem Doppelspiel wurde zwar die Entlassung politischer Gefangener verfügt, ausgeschlossen davon blieben aber alle AntifaschistInnen, darunter besonders Kommunisten und Anarchisten.
In der zweiten Augusthälfte ‘43 legten Churchill und Roosevelt unter Geheimhaltung die Landung der Alliierten auf dem italienischen Festland für den 9. September fest, während über den Waffenstillstand immer noch verhandelt wurde. Die Italiener wollten eine Garantie für den Fortbestand des monarchistischen Staates und die Wiedereinsetzung als Kolonialmacht. Die Alliierten versprachen lediglich eine baldige Landung und die Verkündung des Waffenstillstands nicht früher als sechs Stunden vor der Invasion, was die italienische Seite akzeptierte. Am 3. September wurde der Waffenstillstand geschlossen.

Am Abend des 8. September wurde er verkündet – früher als von italienischer Seite erwartet. Die Alliierten begannen am 9. September ihre Landung bei Salerno – viel weiter im Süden als von italienischer Regierung und Krone erhofft. Die Regierung Badoglio und das Königshaus flüchteten daraufhin hinter die Linien der Alliierten nach Brindisi und etablierten dort mit Billigung der Alliierten eine Monarchie.
Die deutsche Führung hatte einen möglichen Kriegsaustritt Italiens seit November 1942 einkalkuliert und trotz der Beteuerungen Badoglios Maßnahmen für diesen Fall ergriffen. 600.000 Soldaten standen zur Umsetzung des Befehls "Achse" bereit. So war es Deutschland möglich, binnen weniger Stunden nach Verkündung des Waffenstillstands den Einmarsch in Italien zu beginnen. Zeitgleich wurden die italienischen Besatzungstruppen auf dem Balkan, in Griechenland und Frankreich von deutschen Soldaten entwaffnet und nach Deutschland deportiert. Traurige Berühmtheit erlangte in diesem Zusammenhang die griechische Insel Kephalonia, auf der um die 5.000 Soldaten, die sich ihrer Entwaffnung widersetzten, von deutschen Gebirgsjägern erschossen wurden.

Der Widerstand formiert sich

Italien wurde bis südlich von Neapel von deutschen Truppen besetzt, die in den darauf folgenden Wochen auf die so genannte Gustavlinie, die circa 50 km nördlich von Neapel in West-Ost Richtung das Land teilte, zurück gedrängt wurden. Im Mai 1944 rückten die angloamerikanischen Truppen weiter vor, im Juni 1944 wurde Rom befreit, im August Florenz. Die Deutschen errichteten daraufhin im Sommer 1944 350 km weiter nördlich eine neue Verteidigungslinie – die Gotenlinie. Die Ausbildung langfristiger Widerstandsstrukturen auf militärischer und ziviler Ebene fand demnach vor allem in Mittel- und Norditalien statt.
In den 45 Tagen der Regierung Badoglio hatte der antifaschistische Widerstand im Untergrund Aufwind bekommen. Dadurch war es möglich, als Reaktion auf die Besetzung bereits am 9. September in Rom den CLN – das Komitee zur nationalen Befreiung – zu gründen. In ihm waren die unter dem Faschismus verbotenen Parteien (Kommunisten, Sozialisten), die neu entstehenden Liberalen und andere antifaschistische Organisationen vertreten. Man schuf eine geheime politische Führung. Durch ihren militärischen Arm und die regionalen Gruppen gelang es, die in den ersten Monaten vereinzelt operierenden Partisanengruppen und deren Aktivitäten zu koordinieren.

Die historische Einschätzung der Resistenza

Die Resistenza war in erster Linie ein Befreiungskampf gegen eine fremde Besatzungsmacht. In diesem Aspekt lag der (kleinste) gemeinsame Nenner zwischen militanten Kommunisten, liberalen Antifaschisten und monarchistisch eingestellten Militärs. Nationaler Befreiungskampf bedeutete aber auch gewisse Spannungen mit den Alliierten, wenn etwa zum Winter 1944 der britische General Alexander "anordnete", dass die Partisaneneinheiten ihre Aktivitäten einzustellen hätten, bis im Frühjahr 1945 die Alliierten ihre Kampfhandlungen wieder aufnehmen würden. Dieser "Alexanderbefehl", der praktisch nicht umzusetzen war bzw. einer Auflösung der Einheiten gleich gekommen wäre, wurde von vielen KommandantInnen der Partisanen bewusst missachtet. Der alliierte Rückzug bedeutete für die Wehrmacht eine entscheidende Erleichterung und so richtete man von deutscher Seite im Winter 1944/45 sein Augenmerk auf die Bekämpfung der Partisaneneinheiten. Unter dem Aspekt des nationalen Befreiungskampfes müssen auch die Bestrebungen des CLN gesehen werden, zu Kriegsende den nationalen Aufstand zu organisieren und die großen Städte vor den Alliierten zu befreien.

Ein zweiter Charakter der Resistenza ergab sich durch die Einsetzung einer faschistischen Marionettenregierung. Die SS befreite am 12. September 1943 Mussolini aus seinem Gefängnis in den Abruzzen. 11 Tage später wurde er als Regierungschef der Repubblica Sociale Italiana (RSI) eingesetzt. Auf Grund ihrer Regierungssitze Gardone und Salò am Gardasee wurde diese auch Republik von Salò genannt. Damit war das alltägliche Leben wieder, wie vor dem 25. Juli, von faschistischen Strukturen durchsetzt. Man hatte also nicht nur einen äußeren, sondern auch einen inneren Feind zu bekämpfen. Die Resistenza wurde dadurch auch zum Bürgerkrieg.
Als drittes Charakteristikum hatte der Widerstand den Charakter eines Klassenkampfes. Die Beteiligung der ArbeiterInnen an der Resistenza trägt deutlich diese Züge. Der Feind – innerer wie äußerer – wurde mit dem Klassenfeind gleichgesetzt. Tatsächlich hatten große Teile der italienischen Großindustrie mit den Faschisten sympathisiert und ihnen zum Aufstieg verholfen.
"Diese drei Kriege [Befreiungskampf, Bürgerkrieg, Klassenkampf] wurden nicht von verschiedenen gesellschaftlichen Kräften und Parteien geführt, sondern befanden sich innerhalb jeder Partei und jeder sozialen Kraft, die den bewaffneten Kampf führte, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung."2
Schon diese Charakterisierung lässt unterschiedliche Akteurinnen und Akteure auf die Bühne treten. Neben den schon erwähnten ArbeiterInnen, KommunistInnen, (älteren) AntifaschistInnen stellten in manchen Regionen, so im Piemont, versprengte italienische Soldaten eine große Gruppe der Widerstandskämpfer dar. Vielen Soldaten aus dem Süden war es nicht möglich, nach Hause zurückzukehren, da sie dafür über die Frontlinie hätten gelangen müssen. Für sie eröffneten sich drei "Möglichkeiten": ihre Gefangennahme durch die Deutschen, ihre Eingliederung in eine faschistische Armee oder ihr Weg in den Widerstand.
Die Unterstützung der versprengten Soldaten führte zu ersten Widerstandsaktionen der Bevölkerung, die vor allem von Frauen ausgeführt wurden. Sie besorgten Zivilkleidung, sammelten aus verlassenen Kasernen Waffen ein und brachten als Kundschafterinnen Soldaten in Sicherheit. "In diesen Tagen ging es darum, versteckte Soldaten aus den Wohnungen wegzubringen – das war unsere erste Stafettentätigkeit. Wir erkundeten, wo Kontrollposten und Straßensperren waren, und versuchten alles an Informationen einzuholen, was wichtig war. Das gleiche taten wir auch für die antifaschistischen Politiker, die versuchten, den Widerstand zu organisieren. Wir Stafetten sondierten die Lage und suchten geeignete Orte für geheime Treffen." Neben der Arbeit als Stafetten, der "klassischen" Widerstandsaufgabe der Frauen, kämpften einige von ihnen auch bewaffnet in den Partisaneneinheiten mit.
Eine weitere zahlenmäßig große Gruppe waren Jugendliche, die sich ihrer Wehrpflicht für die neuen faschistischen Streitkräfte entziehen wollten. Auch Kriegsgefangene, die auf italienischem Gebiet inhaftiert gewesen waren und mit dem 8. September frei kamen, schlossen sich den Partisanen an, genauso wie Deserteure des deutschen Heeres.
Etliche jüdische Menschen, wie etwa der bekannte Schriftsteller Primo Lévi, gingen zum Widerstand in die Berge oder konnten sich in von PartisanInnen kontrollierten Gebieten verstecken. Ihr Risiko war es, bei der Gefangennahme nicht nur als Partisanen bestraft zu werden, sondern zudem als Jude.

Die Vielschichtigkeit der Resistenza zeigte sich am ausgeprägtesten in der politischen Struktur des CLN. Neben diesem gemeinsamen Oberkommando stellten die Parteien einzelne Partisaneneinheiten auf. Die Einheiten Giustizia e Libertà (Gerechtigkeit und Freiheit) standen der neu gegründeten liberalen Aktionspartei (Partito d’Azione) nahe und machten etwa 20 Prozent aus. Die mitgliederstärksten Verbände waren die Garibaldi-Einheiten, die hauptsächlich auf Initiative der kommunistischen Partei Italiens entstanden waren und 50.000 PartisanInnen stellten. Die drittstärksten Formationen waren die so genannten Autonomen Einheiten, die keiner politischen Richtung nahe standen. In ihnen waren vor allem "versprengte" Soldaten organisiert und Anhänger der Monarchie, weshalb sie von anderen Partisanen auch (verächtlich) "Badoglio-Partisanen" genannt wurden. Daneben entstanden Formationen, die anderen antifaschistischen Organisationen, z. B. katholischen Kreisen oder der republikanischen Partei nahe standen sowie die Mazzini-Einheiten, die von den Sozialisten organisiert wurden. Wer welcher Einheit beitrat, richtete sich nicht nur nach der politischen Einstellung, sondern wurde oft durch praktische Begebenheiten – welche Einheit kämpfte in der nächsten Umgebung, welche persönlichen Kontakte bestanden – gelenkt.
Neben den PartisanInnen in den Bergen operierten in den Städten die GAP- oder SAP-Einheiten – von der kommunistischen Partei gegründet und unterstützt.3 Ihre Mitglieder betrieben geheime Presse- und Informationsstrukturen und führten Sabotageakte gegen die feindliche Infrastruktur und Attentate gegen Exponenten der Besatzer und der Faschisten durch. Oft bestanden sie nur aus kleinen Zellen von zwei bis drei Personen. (Vgl. "Agitation, Sabotage, Attentat. GAP und SAP in italienischen Städten")
Über die militärische Bedeutung des Widerstands gibt es unterschiedliche Aussagen. Einige Autoren weisen daraufhin, dass auf Grund der schlechten Ausrüstung die militärische Bedeutung nicht groß gewesen sein kann. Kommandant Nardo, ehemaliger Partisan einer Garibaldini-Einheit, wehrt sich vehement gegen diese Behauptung. Er schätzt, dass durch Widerstandsaktionen der Resistenza etwa 20.000 deutsche Soldaten gebunden waren und dadurch von der Front ferngehalten wurden.
Eine wichtige Bedeutung hatte die Resistenza bezüglich faschistischer Kollaborateure. Häufig wurde ihre Enttarnung durch die Präsenz von Partisanen möglich.

"Der Krieg kam mit dem 8. September in unsere Häuser"

Die Bekämpfung des bewaffneten Widerstands wurde in Italien nach den Richtlinien der so genannten Bandenbekämpfung durchgeführt, wie sie schon im Osten gegen Partisanen angewendet worden waren. Dabei war es erklärtes Ziel, die Bevölkerung durch massive Drohungen von jeder Unterstützungsleistung abzuhalten. Schon die Nicht-Kollaboration, das Nichtweitergeben von Informationen über die Resistenza konnte als Unterstützung gelten und mit dem Tode bestraft werden. "Die Bevölkerung sollte die Verantwortung für Vergeltungsmaßnahmen nicht bei den Besatzern suchen, (...) sondern bei den Partisanen und als Konsequenz diesen die Sympathie und Unterstützung verweigern."4 Zum anderen wurde die Bevölkerung als Druckmittel gegen die PartisanInnen eingesetzt, die damit rechnen mussten, dass jede Widerstandshandlung mit Repressalien gegen umliegende Dörfer geahndet wurde.

Die Verantwortung für die "Banden- oder Banditenbekämpfung" lag seit April 1944 bei Generalfeldmarschall Albert Kesselring, Oberbefehlshaber der Wehrmacht für das besetzte Italien. Die Befehlsstruktur zeigt sehr deutlich, dass die Aufteilung in eine Wehrmacht, die einen angeblich "sauberen" Krieg in Italien geführt habe, während die Verantwortung für die Massaker allein der SS zuzuschreiben wären, nicht die Realität widerspiegelt: So war zwar der General der Waffen-SS Karl Wolff für die Durchführung der "Bandenbekämpfung", die nicht im Operationsbereich des Heeres lag, zuständig, doch war er Kesselring bei dieser Aufgabe direkt unterstellt und musste gemäß dessen Vorgaben handeln.

Im so genannten "heißen Sommer" 1944 verschärfte Kesselring die möglichen Repressalmaßnahmen gegen die Bevölkerung. Der bewaffnete Widerstand war zu diesem Zeitpunkt deutlich erstarkt und die militärische Lage der Deutschen verschlechterte sich zusehends – die angloamerikanischen Truppen befanden sich auf dem Vormarsch. Für diesen Zeitraum galt beispielsweise die Anordnung, in Gebieten mit starker Partisanenpräsenz präventiv Geiseln zu nehmen, die dann im Fall von Angriffen durch PartisanInnen hätten getötet werden dürfen. Ein Befehl Kesselrings vom 17. Juni 1944 lautete: "(...) Wo Banden in größeren Zahlen auftreten, ist der in diesem Bezirk wohnende, jeweils zu bestimmende Prozentsatz der männlichen Bevölkerung festzunehmen und bei vorkommenden Gewalttätigkeiten zu erschießen."5
Bei der Verschärfung seiner Richtlinien betonte Kesselring zum wiederholten Mal, dass den ausführenden deutschen Soldaten keine Konsequenzen erwachsen würden, selbst wenn sie drastische Maßnahmen ergreifen würden.
Auf Grund etlicher Einzelbefehle örtlicher Kommandanten, die die Situation immer mehr eskalieren ließen, sah sich Mussolini mehrfach veranlasst, bei der deutschen Führung zu protestieren. Gewisse Anordnungen wurden daraufhin zurückgenommen, vor allem solche, die die Tötung von Frauen und Kindern zuließen. Zu diesem Versuch der Deeskalation sahen sich die Deutschen gezwungen, um die wachsende Unterstützung der Partisanen durch die Bevölkerung zu stoppen und um nicht auch noch jenen Teil der Bevölkerung gegen sich auf zubringen, der bislang mit den Faschisten sympathisiert hatte.
Allerdings bedeutete dies nicht das Ende der Massaker an der Zivilbevölkerung. Eines der größten Massaker ereignete sich im Oktober 1944 in Marzabotto im emilianischen Appenin, bei dem 770 Menschen getötet wurden. Dieses von SS und Wehrmacht verübte Massaker entsprang einer "Politik der verbrannten Erde". Die Deutschen "säuberten" dabei das Hinterland entlang der Frontlinie von PartisanInnen – aber auch von ZivilistInnen.
Das erste Massaker an der italienischen Zivilbevölkerung hatten deutsche Soldaten schon vor dem 8. September 1943 verübt. Am 12. August fielen 30 Wehrmachtsangehörige beim Rückzug aus Sizilien in das Dorf Castiglione di Sicilia ein und eröffneten eine Schießerei, bei der 16 Personen getötet wurden. Ein Anlass für diese Aktion ist nicht bekannt. Folgt man der Argumentation des Historikers Gerhard Schreiber, so liefert einzig das inzwischen schon geprägte Misstrauen gegen den Bündnispartner Italien und rassistische Ressentiments gegen Italiener und Italienerinnen eine plausible Erklärung für dieses Verhalten.6

Wie aus Lageberichten des Sicherheitsdienstes hervorgeht, fand innerhalb der Führung und Gesellschaft Deutschlands nach Kriegseintritt Italiens oder trotz desselben eine negative Neubewertung des Bündnispartners statt. Zum einen lag es an den militärischen Misserfolgen Italiens, man konnte aber auch an antiitalienische Ressentiments aus dem Ersten Weltkrieg wieder anknüpfen. Das Rassenpolitische Amt der NSDAP startete – um nur ein Beispiel zu nennen – im Juli 1941 eine Initiative, die sich mit dem Vorschlag an die italienische Botschaft wandte, ein Heiratsverbot zwischen Deutschen und Italienern bilateral zu erlassen.

Denkmal für Kesselring

Im Februar 1947 begann der Prozess gegen den obersten Heeresführer Kesselring. Einer der Anklagepunkte lautete, er habe zwischen Juni und August 1944 ihm unterstellte Truppen durch seine Befehle angestachelt, italienische ZivilistInnen als Repressalie zu töten.7 Im Mai 1947 sprach ihn das Gericht in diesem Punkt schuldig8 und verurteilte ihn zum Tod durch Erschießen. Im Juni wurde die Strafe in lebenslängliche Haft umgewandelt. Im Oktober 1952 wurde Kesselring entlassen – angeblich wegen Kehlkopfkrebs, den er de facto nie hatte.

Dem vorausgegangen war eine mehrjährige Kampagne zu seiner Freilassung, die anfangs von Angehörigen und alten Militärs geführt wurde, ab 1950 jedoch von Teilen der bundesdeutschen Presse mitgetragen wurde. Argumentierten die alten Kameraden gerne mit der Aufstellung der neuen Bundeswehr und dem Kalten Krieg (es sei ein "unerträglicher Gedanke, deutsche Soldaten als Verbündete von alliierten Armeen zu sehen, während ihre Kameraden unschuldig in alliierten Gefängnissen sitzen"9 ), berief sich die Presse gerne auf den "Schöngeist" Kesselring, der Italiens Kunstschätze beschützt habe und, so im "Spiegel" 1951, der es gar nicht über sein süddeutsches Herz gebracht habe, gegen Badoglios "Lumpen" länger als vier Wochen den "furor teutonicus" anzuwenden.10 Eine Argumentation, derer sich Kesselring auch gerne selbst bediente, wenn er davon sprach, dass auch in Italien Menschen der Meinung seien, er habe ein Ehrenmal, aber keinen Prozess verdient.
Dieses Ehrenmal bekam er von ehemaligen PartisanInnen aus Cuneo (in der Region Piemont) in Form einer Gedenktafel am dortigen Rathaus:
"Du wirst es haben / Kamerad Kesselring / Das Denkmal / Das du von uns Italienern verlangst / Aber aus welchem Stein es erbaut sein wird / Entscheiden wir / Nicht aus den rauchgeschwärzten Steinen / Der unschuldigen Dörfer gepeinigt von deiner Vernichtung / Nicht aus der Erde der Friedhöfe / Auf denen unsere jungen Genossen / In Frieden ruhen / Nicht aus dem reinen Schnee der Berge / Die dich für zwei Winter herausgefordert hatten / Nicht aus dem Frühling in den Tälern / Der dich flüchten sah / Einzig aus dem Schweigen der Gefolterten / Härter als jeder Stein / Einzig aus dem Fels dieses Paktes / Geschlossen zwischen freien Menschen / Die sich freiwillig gefunden haben / Aus Würde nicht aus Hass / Entschlossen sich zu befreien / Von der Schande und dem Schrecken der Welt / Solltest du auf diesen Straßen zurückkehren wollen / Wirst Du uns in unseren Dörfer finden / Tote und Lebende mit der selben Verpflichtung / Ein Volk versammelt um das Denkmal / Das da heißt:
ORA E SEMPRE RESISTENZA
Widerstand - Jetzt und immer"

Heike Herzog


1 Klinkhammer, Lutz: Zwischen Bündnis und Besatzung. Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943-1945, Tübingen 1993, S. 2.
2 Pavone, Claudio: Una guerra civile. Saggio storico sulla moralità nella Resistenza, Torino 1994, zit. n.: Oliva, Gianni: I vinti e i liberati, Mondadori Editore, Mailand 1994, S. 9.
3 Gruppo oder Squadra d’azione patriotica – patriotische Aktionsgruppen.
4 Klinkhammer, Lutz: Stragi naziste in Italia. La guerra contro i civili (1943-44), Donizelli editore, Rom 1997, S. 91.
5 Kesselring-Befehl, IMT, Bd. 39, S. 130-136: OB Südwest, 17.6.1944.
6 Vgl. Schreiber, Gerhard: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Täter, Opfer, Strafverfolgung, München 1996, S. 56.
7 Vgl. Staron, Joachim: Deutsche Kriegsverbrechen und Resistenza, Paderborn u. a. 2002, S. 152f.
8 Der zweite Anklagepunkt betraf die Verantwortlichkeit Kesselrings für die Erschießung von 335 Geiseln in den Fosse Ardeatine in Rom als Repressalmaßnahme für einen Bombenanschlag einer GAP-Gruppe gegen eine Polizeieinheit – auch in diesem Punkt wurde Kesselring schuldig gesprochen.
9 Zit. n.: Staron Joachim: Deutsche Kriegsverbrechen, S. 221.
10 Ebd. S. 223.

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